Erzählungen


Steinfrauen

Erzählung in Am Erker





"Von oben drang ein fremdes Klopfen an unsere Ohren. Archäologenhände mit Kellen, Vermessungsgeräten und Pinselchen verursachten haarfeine Risse. Erste Lichtlamellen schnitten durch das Erdreich. Ein punktueller Schmerz in den Augen weckte die Erinnerung an ein Tag-Nacht-Verhältnis.
Diese Aufhebung der Quaderlasten komprimierter Zeit auf dem Haupt war schmerzhaft. Lieber wären wir unerforscht geblieben. Nasen und Münder in feuchte Erdkeile gepresst, Brustkorb und Zwerchfell in regloser Schwebe, mit leeren steinernen Lungen..."


www.am-erker.de






Sternbildübertragung

Erzählung in entwürfe


... "Ja, ist es nicht herrlich! Gerade suchen wir unsere Plätze auf dem Sandboden in der weiten Wüstenlandschaft. Es entsteht kaum Streit, wir sind zu aufgeregt. Heute wird die Sternbildübertragung in Kraft treten, heute werden die Sterne zu uns sprechen!
Die zwei Mediatoren, die uns anleiten, sitzen jeweils seitlich des Sandfelds auf ihren meterhohen Leiterstühlen.
„Bitte stellt euch jetzt in die individuelle Leitsternposition und schließt die Augen!“, ruft der eine von links.
„Hebt gemeinsam die Arme in die Höhe.“ ruft der andere von rechts." ...

www.entwuerfe.ch








Gelebte Unternehmensphilosophie. Ein Bericht aus Wien

Erzählung in Solitude Atlas

Ehemalige StipendiatInnen der Akademie Schloss Solitude wurden gebeten einen kurzen Text über die Stadt – oder von der Stadt aus zu verfassen, in der sie gerade leben.
Ein interessantes Patchwork ist entstanden.

Mein Text beschreibt die Zustandsveränderung, die die Wiener Bevölkerung bei Betreten einer dm-Filiale erlebt – nämlich die Menschwerdung!



"Seit zwei Jahren erhält in Wien jede Kreatur die Möglichkeit, Mensch zu sein. Sobald nämlich die Schwelle einer der 30 dm-Filialen überwunden wird, setzt eine spontane Verwandlung ein.
Gleich Fausten, der das Wohlgefühl der Menschen unter ihresgleichen mit den denkwürdigen Worten „Zufrieden jauchzet groß und klein; Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!“ einfing, lustwandeln heute die wildesten Bestien friedlich vereint unter dem dm-Geschäfts-Firmament . Verzaubert vom Anblick ihrer neonlichtbeleuchteten Finger – warmes Blut fließt durch die Adern! Schau, die zarte felllose Haut! – greifen sie in die Regalreihen, um die neuesten Haushalts- und Hygieneartikel zu ergattern. Frische Düfte, Kosmetika, Toilettenpapier, Babynahrung, diesen und jenen Erquickungstrank für den müden Geist...
Krone der Schöpfung!"...




Atelier Sporreiter
Erzählung in LICHTUNGEN (Heft 140/2014)



"...Ob er nicht endlich die Maske abnehmen möchte, fragt sie leise. Langsam führt der Affenmensch ihre Hand an das Fell und zeigt ihr, wie man es in dichten Büscheln vom Körper zupfen kann. Ganz versteht sie es nicht, in wie vielen Schichten das Kostüm angelegt ist.
Gerade löst er selbst einen großflächigen Wust von Kopfkrone und Schulterpartie, ein Wust, der wohl das typisch Gorillamäßige ausmacht. Darunter noch mehr dunkles Fell. Als der Affenmensch jedoch Ankes Hände zu einem Klettverschluss am Nacken bringt, damit sie ihm die Maske abnehme, fährt ihr Furcht in die Beine. Am Hinterkopf kommt wieder nichts als Fell zum Vorschein. Trotzdem zieht sie mit zitternden Händen die Maske ganz ab und..."

www.lichtungen.at






Miracle Mike
Erzählung in TRIËDERE, Zeitschrift für Theorie und Kunst (Heft 8/Sept2013)

"zehn Meter über den Hof, flügelschlagend
elf Mann weit, Endspurt im Morgengrauen
kopflos, Huhn, Pirat
dreizehn Sekunden, um...
Schnell! Eine Frage stellen!
Der Kopf im Staub
reagiert noch
auf einen Zuruf
auf das Sonnenlicht

Allein Miracle Mike lief, wenn auch etwas schwankend, eineinhalb Jahre ohne Kopf herum. Bei seiner Enthauptung, er sollte als Braten für die Schwiegermutter dienen, waren der Hirnstamm und ein Ohr intakt geblieben. Der Farmer aus Colorado hatte eine Axt mit zu kurzer Schneide verwendet, ließ Erbarmen walten und schlug schließlich mit Mike als kurioser Attraktion einiges Kapital aus dem Hahn"...

weiterlesen: www.triedere.com



Zwei Exzerpte aus Romanprojekt Stein
in WIENZEILE, supranationales Magazin für Kunst, Literatur und Politik (Heft Nr. 66/März 2014),

Melilla - Eurosur Gebäude

"„Rodrìguez!“ Der Gerufene macht sofort kehrt. „Si, Señor Sola.“ „Zwei Minuten Ihrer Zeit, bitte.“ Mit eisernem Handschlag dirigiert Carlos Sola Jesus Rodrìguez zu einem Stuhl, der sich in unausgewogen weitem Abstand vom Schreibtisch befindet. Jesus zögert, ob er näher rücken soll, während Sola sich auf seinem ledernen Drehsessel platziert und die Hände über der blank polierten Tischfläche faltet. Jesus weicht jetzt dem Blick seines Chefs aus, der mit erhobenem Zeigefinger noch schnell ein Telefonat entgegennimmt…"


Kalkara - John Okoye

"Er beobachtet seine Beine, wie sie im Lauf nach vorne schnellen und der Boden unter ihnen hinweggleitet. Die Schuhsohlen erzeugen ein dumpfes Stakkato, wenn sie den Asphalt wegstoßen und den Körper durch den Raum gleiten lassen. Schmale Häuser ziehen an ihm vorbei, hohe Blumentöpfe und wohlgenährte Pflanzen, hier und da eine Gestalt vor der Haustür – mit abschätzigem Kommentar auf den Lippen…"

weiterlesen: wienzeile.cc



Are you saved?
Erzählung in TRIËDERE, Zeitschrift für Theorie und Kunst (Heft 7/März 2012)

"Von warmen Luftströmen bewegt schaukelt das halbkugelförmige Gebilde sanft und einladend. Es misst über sieben Meter, ist hautfarben und mit Riesenbrüsten übersät. Wie Ballone sind diese dicht an der Oberfläche des Hügels abgebunden und wohl mit Helium gefüllt, denn sie streben vertikal nach oben und zupfen an dem Hügel, als wollten sie ihn vom Boden lösen und in die Höhe zum Glasdach ziehen. Im Inneren der Halbkugel muss es Gewichte geben, die das verhindern. Trotz seines schwebenden Charakters bildet das Objekt den Schwer- und Mittelpunkt der weitläufigen Halle. Es wird zwar von hohen, recht massiven Metallgerüsten umkränzt, durch die Präsenz des Unikums wirken diese jedoch unwichtig und zerbrechlich…"

weiterlesen: www.triedere.com











Den kreisrunden Todengwalzer tanzen
Erzählung und Portfolio | Peter Lang Verlag, Reihe Persephone 5, 2007, Wien.

Kann ein “reenactment” des Ramayana Epos in einer Gesellschaft, wo die Genderrollen allein auf Männer verteilt sind (Frauen existieren anscheinend nicht und werden mit Gazellen verwechselt), stattfinden?
Was ist die Rolle des eigenartigen Professors, der sich in einer Welt, die zu einem toxischen Abfallhaufen geworden ist, auf der Suche nach Fertilität begibt? Der Boden ist dort derart verseucht, dass kein Mensch direkten Kontakt damit haben darf. Nur die geisterhaften Todengpflanzen bringt diese Erde hervor.
Und überhaupt – spielt das nun alles auf der Bühne oder nicht? Tanz und Rezitation im Chorgesang scheinen Teil des normalen Lebens zu sein.
In dieser Erzählung wird ein komplexes, sehr persönliches Universum, aufgebaut, das auf ihre Erfahrung der Autorin als Tanzperformerin zurückgeht, aber auch die Relations zwischen Natur und Kultur befragt.

Im Band 5 der Reihe Persephone wird der Text den kreisrunden Todengwalzer tanzen zum Ausgangspunkt für eine zunächst daran orientierte, dann aber in allgemeine Fragen ausgreifende philosophische Analyse der Ursachen der ökologischen Krise, der Grenzen der Technik, des Patriarchats und seiner Folgen, der Geschlechtsidentitäten und ihrer Verstörungen. Mit Beiträgen von Hans-Dieter Klein, Evelin Klein, Ingvild Birkhan und einem Bildteil von Bertram Dhellemmes.